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Einführung in die Sambageschichte

Vinícius Sambawelt

Während der letzten fünf Jahrhunderte haben sich die verschiedenen in Brasilien vorhandenen musikalischen Traditionen vermischt: portugiesische, afrikanische und in geringerem Maße indianische. Harmonien, Tänze, Rhythmen und andere musikalische Elemente sind miteinander verschmolzen, alte Ausdruckweisen wurden verändert und neue Formen von Musik geschaffen.

Bis heute noch sind die Entstehung und der genaue Verlauf der anfänglichen Entwicklung eines der wichtigsten musikalischen Genres der brasilianischen Musikkultur des zwanzigsten Jahrhunderts - der Samba - nicht genau zu entschlüsseln, doch es gibt eine große Zahl von Theorien über seinen Ursprung. Das Wort Samba scheint aus Angola zu stammen, wo der Ausdruck Semba in der Sprache der Kimbundu sich auf die Berührung des Bauchnabels als "Aufforderung zum Tanz" bezieht. Diese Berührung war ursprünglich Bestandteil vieler afrikanischer Rundtänze.

Der einen glauben, dass der Lundu - ein schon seit dem achtzehnten Jahrhundert bestehender Tanz - der eigentliche Ursprung des Samba ist. Andere vertreten die Theorie, dass eine primitive Art von Samba, oder zumindest wesentliche Elemente des Tanzes, von (ehemaligen) Sklaven im späten neunzehnten Jahrhundert aus Bahia nach Rio gebracht wurde. Aber es war mit Sicherheit in Rio, wo der Samba weiterentwickelt, ausgeschmückt und zu einem Genre wurde, das sich von anderen afrobrasilianischen Musik-Genres abhob.

Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gab es schon in Rio eine große Zahl von Zugezogenen aus der Provinz Bahia, die eine baianische kulturelle Gruppe in einem Stadtteil von Rio namens Praça Onze (Platz elf) bildete. Praça Onze war der bedeutendste Ort in der Entwicklung des Samba. Dort wohnte Tia Ciata (ihr richtiger Name lautete Hilária Batista de Almeida, 1854-1924), die in Salvador (Bahia) geboren wurde. Sie machte sich einen Namen mit Herstellung  von Süßigkeiten und als Gastgeberin von Festivitäten. Ihr Haus war ein sehr wichtiger Begegnungsort für die weitere Pflege der afrikanischen Kultur und für die Geburt des Samba, der es am Anfang nicht so leicht hatte: es war verboten Samba zu spielen. Samba war laut, keine zivilisierte Musik und von Schwarzen gemacht. Viele Schwarze wurden eingeschüchtert, festgenommen und oft gefoltert.

Der Samba entfaltete sich also im Verborgen.

Im Haus der Tia Ciata versammelten sich, trotz des Verbots, die Pioniere der Welt des Samba, wie Pixinguinha, Donga, João da Baiana und Sinhô. Und es war genau bei ihr, dass im Jahr 1917 "pelo telefone" (per Telefon) komponiert wurde - das erste mit dem Begriff Samba bezeichnete Lied, von dem eine Tonaufnahme gemacht wurde.

Die erste escola de samba (Sambaschule) - Deixa Falar

Die erste escola de samba war Deixa Falar (Lass sie reden) und wurde am 12. August 1928 in Estácio (ein Stadtviertel in der von Stadtmitte von Rio) u.a. von Ismael Silva, Bide, Armando Maçal, Nilton Bastos, gegründet. Deixa Falar war nie eine Sambaschule, sondern ein Bloco (geschlossene Gruppen). Da ihre Gründer damals als die Meister des neuen Musikgenres "Samba" bekannt waren, gewann Deixar Falar den Titel Escola de Samba. Ihre Gründer und Mitglieder waren junge revolutionäre Männer, die vorhatten, die Beziehung zwischen Sambistas (Menschen, die sich unmittelbar mit der Welt des Samba  beschäftigten - Musiker, Komponisten und Tänzer) und der Polizei zu verbessern, weil die Polizei Schwarze und Mulatten zu jener Zeit daran hinderte, in der Innenstadt den Karneval in Blocos zu feiern. Ohne eine offizielle Genehmigung war es verboten, Sambamusik zu spielen und in der Karnevalzeit auf die Straße zu marschieren. Deixa Falar widersetzte sich dem Verbot, in dem sie einen kurzen Umzug in Estácio und Praça Onze veranstalte, dem sich einige Blocos aus anderen Stadtteilen anschlossen.

Deixar Falar existierte nur kurze Zeit: 1933 gab es sie nicht mehr, aber ein Anfang war gemacht.

Die Legitimierung der Sambaschule

Der Begriff "Sambaschule" war offensichtlich eine ironische Anspielung auf eine Grundschule, die dem Treffpunkt von Deixa Falar gegenüber der anderen Straßenseite lag. Escola bedeutet Schule, aber Noel Rosa (ein bedeutender Sänger in dieser Zeit) sang "Samba ist etwas, was man nicht in der Schule lernen kann". Aber das Wort Escola war nicht ganz verkehrt. Viele Forscher sind der Meinung, dass der Begriff unmittelbar mit dem Wunsch zu tun hat, sozialen Aufstieg und Anerkennung von der Gesellschaft zu erlangen: nicht nur für den Samba, sondern auch für die Schwarzen selbst. Denn "Schule" ist eine offizielle und gesellschaftlich anerkannte Bildungsinstitution und hat die Aufgabe, Lehre zu überliefern.
1929 entstand aus dem Zusammenschluss mehrerer Blocos aus dem Stadtteil Mangueira eine zweite Escola de Samba. Sie sollte die traditionsreichste und langlebigste von allen werden: Estação Primeira da Mangueira (Mangueiras erste Station). Im selben Jahr beendete die brasilianische Regierung - unter Getúlio Vargas - ihre Übergriffe auf die Sambaschulen von Rio und erkannte deren Umzüge offiziell an. Ein Jahr später gab es schon fünf weitere Escolas de Samba in Rio.
Am 07. Februar 1932 fand der erste Wettbewerb für die Sambaschulen auf dem Praça Onze. An diesem ersten Wettbewerb nahmen 19 Sambaschulen teil und den ersten Platz bekam die Sambaschule Mangueira. Da über dieses Geschehen in der Lokalpresse groß berichtet wurde, begannen die Sambaschulen ab diesem Jahr in besseres Ansehen in der "weißen" Gesellschaft zu genießen.
Im Laufe der Jahrzehnten gewannen der "unzivilisierte" Samba und die Sambaschulen nicht nur nationale Annerkennung, sondern auch Prestige.
Der Samba, ursprünglich aus den Favelas (Elendsviertel) in der portugiesisch-brasilianischen Gesellschaft als "Musik der Straße" bezeichnet, hat sich im 20. Jahrhundert zum Nationalsymbol Brasiliens gewandelt. Musik, Tanz und Ausdruck von Lebensfreude sind in der ganzen Welt zur Botschaft der brasilianischen Kultur geworden.

Sambódromo - A Passarela do Samba

Mit der Institutionalisierung der Sambaschulen musste es einen passenden festen Ort für die Realisierung der Karnevalsparade geben, die schon lange ein Weltereignis geworden war. Jedes Jahr wurden überdachte Tribünen aufgestellt, die ein großes Publikum angezogen, eine Menge Kosten verursachten und nicht zu letzt ein fürchterliches Verkehrchaos während ihres Auf- und Abbaus erzeugten. Dieses Problem wurde 1984 dadurch gelöst, dass an der Rua Marquês de Sapucaí die Passarela do Samba (die Sambabahn) errichtet wurde, welche die Cariocas Sambódromo nennen, was auch Sambabahn bedeutet.
Der Sambódromo wurde von dem weltbekannten Architekten Oscar Niemeyer entworfen und ist ein 700 Meter langer Weg, gesäumt von fest installierten Tribünen, die 90.000 Menschen Platz bieten. An ihrem Ende liegt ein weiter Platz mit dem treffenden Namen Praça da Apoteose (Platz der Apotheose). Aber der Sambódromo hat noch zwei andere Funktionen: er kann sich in einen Ort für Open-Air-Konzerte verwandeln, in dem der Platz der Apotheose die Bühne ist. Am wichtigsten ist der Sambódromo ein ganzes Jahr lang (von März bis Dezember) in seiner Eigenschaft als Grundschule mit 210 Unterrichtsräumen.

Was ist eigentlich Samba?

Zum Ausdruck zu bringen, was Samba wirklich ist - insbesondere sein ganzes Umfeld - ist natürlich keine einfache Aufgabe. Denn Samba könnte sich in drei Unterschiedliche Kategorien aufteilen:

Die Welt der Musik, des Tanzes und der Gefühle.

Samba: die Musik

Die Musik Samba erwuchs aus den Einflüssen des Lundu, der Polka, der Habanera und der sich noch entwickelnden Genres Marcha und Maxixe.

Samba ist eine lebhafte musikalische Form, die sich durch vermehrten Wechselgesang, eine vergleichsweise stärkere Betonung des perkussiven Wechselspiels und einen  weniger formalen Klang als bei der Marcha oder als dem Maxixe auszeichnet.

Technisch gesehen hat der Samba einen 2/4 Takt mit besonderer Betonung auf dem zweiten Viertel, Strophen- und Refrainstruktur und viel ineinander greifende, synkopierte Linien in Melodie und Begleitung.

Dennoch gibt es verschiedene musikalische Spielarten des Samba. Hierfür vier Beispiele: der dröhnende samba-enredo, der von Sambaschulen während des Karnevals gespielt wird; der melodiöse samba-canção; der überschwängliche pagode und die weltberühmte Bossa-nova usw.

Samba: der Tanz

Im Sambatanz können verschiedene Teile des Körpers unabhängig voneinander bewegt werden, d.h., bestimmte Bewegungszentren bilden sich im Tanz isolier voneinander aus - dieses Phänomen wird in der Welt des Tanzes Polyzentrik genannt. Im Allgemeinen sind Körperteile, die man als männlicher Tänzer isoliert, Kopf, Schulter und Brustkorb; als Frau auch Brust, Bauch, Pelvis (Hüften und Hinterbacken), Arme und Beine. Wobei die Beine wiederum isoliert werden in die Bewegungszentren Oberschenkel, Knie, Unterschenkel und Füße. Die Grenzen zwischen "männlicher" und "weiblicher" Art, Samba zu tanzen, sind aber schwimmend.

Da Samba in vielen brasilianischen Bundesstaaten getanzt wird, kann man sehr schnell feststellen, das es eine große Anzahl von Samba-Schritten gibt, die komplex und individuell gestaltbar sein können.

Der Sambatanz hat einen Hauch von Erotik und Sinnlichkeit, weil die Hüften "die verbotene Zone" (besonders von Frauen) viel mehr zum Ausdruck kommt als in europäischen Tänzen.

Samba: das Gefühl

Wenn man Brasilianer fragt, was Samba sei, bekommt man häufig (vor allem in Rio) subjektive Antworten, die sich sehr oft weder auf die Musik, noch auf den Tanz beziehen. Das liegt daran, dass der Samba eine sehr wichtige Bedeutung in der brasilianischen Gesellschaft im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts gewonnen hat. Samba ist vieles zugleich: Trostspender, Freudenfest, Flucht aus der Wirklichkeit, Ausgelassenheit, Freiheit. Außerdem Philosophie, Kultur und Tradition. Vielleicht nur durch die Vermittlung dieser Gefühle ist es dem Samba gelungen, die sehr unterschiedlichen Schichten der brasilianischen Gesellschaft zu durchdringen.

"Wer den Samba nicht mag,
ist kein guter Kerl,
bei ihm tickt´ s nicht ganz richtig,
oder er ist fußkrank"

Dorival Caymmi, "Samba da minha terra"

 

Diese Einführung wurde im Rahmen meines Seminars “Was ist Tradition” für mein Studienfach Volkskunde im Jahr 1999 geschrieben.

Literaturverzeichnis:

- Augras, Monique: O Brasil do Samb-Enredo, Editora Fundação Getúlio Vargas, Rio de Janeiro, 1998.
- Cabral, Sérgio:As escolas de samba do Rio de Janeiro, Lumiar Editora, Rio de Janeiro, 1996..
- Queiroz, Maria Isaura Pereira de: Carnaval brasileiro - o vivido e o mito. Editora Brasiliense, São paulo, 1999.
- Vianna, Hermano: O Mistério do Samba, Editora UFRJ, Rio de Janeiro, 1995